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POS: „Vieles muss jetzt selbsterklärend sein“

21.05.2020

Viele werden in diesem Jahr ihren Urlaub zuhause verbringen. Daher sind die Themen Balkon, Terrasse und Garten sehr wichtig. – Foto: Syngenta Flowers

Viele werden in diesem Jahr ihren Urlaub zuhause verbringen. Daher sind die Themen Balkon, Terrasse und Garten sehr wichtig. – Foto: Syngenta Flowers

Die Corona-Krise stellt den stationären Einzelhandel derzeit vor enorme Herausforderungen. Die gesamte POS Gestaltung muss sich in diesem Jahr diesem Thema unterordnen. Wir haben darüber mit einem Experten gesprochen.

Oliver Mathys entwickelt Absatzkonzepte für Gartencenter und Baumärkte und unterstützt diese bei der Umsetzung. Seit einigen Jahren entwirft er auch in enger Zusammenarbeit mit der Koelnmesse die POS Green Solution Islands für die spoga+gafa. Die Inseln zeigen den Besuchern beispielhaft, wie sich Aktions- und Verkaufsflächen im Handel zu bestimmten Themen gestalten lassen.

Herr Mathys, Gartencenter und Baumärkte sind in diesem Jahr damit beschäftigt die geforderten Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln umzusetzen, bleibt da überhaupt noch Zeit und Raum für eine durchdachte POS Gestaltung?

Mathys: Grundsätzlich kann man sagen, dass die Verkaufsfläche immer irgendwie gestaltet werden muss. So etwas wie ein Verzicht auf Gestaltung ist überhaupt nicht möglich. Sie haben allerdings Recht, die Ziele und Schwerpunkte der POS-Gestaltung verändern sich in Zeiten wie diesen. So wird vielleicht insgesamt weniger Wert auf Inspirationsflächen gelegt. Diese müssen eventuell schon aus Platzgründen weichen oder ihre Fläche wird reduziert, damit die Kunden in den Gängen der Geschäfte genügend Abstand zueinander halten können.

In der jetzigen Situation steht den meisten Kunden sowieso der Sinn nicht so sehr nach gemütlichem Bummeln und Schlendern durch die Baumärkte und Gartencenter, um sich Ideen zu holen und sich inspirieren zu lassen. Eine eher funktionale, übersichtliche Gestaltung ist daher gefragt, die es den Menschen ermöglicht, schnell und zielgerichtet ihre Einkäufe zu erledigen, ohne lange suchen zu müssen. Da viele Mitarbeiter außerdem damit beschäftigt sind, sich um Hygiene- und Abstandsregeln zu kümmern, bleibt für Beratung oft weniger Zeit. Die Waren sollten also so präsentiert werden, dass alles möglichst selbsterklärend ist. Falls es dafür doch noch größere Inspirationsebenen braucht, sollten diese weitgehend von der Verkaufsebene gelöst sein. Hilfreich kann es beispielsweise sein, wenn ein Produkt ausgepackt und fertig zusammengebaut als Anschauungsobjekt neben den anderen Kartons steht. Die einzelnen Packungen sollten zudem – mehr noch als sonst – so gestapelt werden, dass der Kunde sie gut greifen kann und der Selbstbedienung nichts im Wege steht.

Da langes Aussuchen und Kombinieren von Produkten fast zwangsläufig zu Menschansammlungen und Gedränge führt, kann es sinnvoll sein, bei einigen Artikeln fertig zusammengestellte Sets anzubieten. Wie wäre es beispielsweise mit Boxen, die bereits fünf oder sechs verschiedene ausgesuchte Pflanzen für den Sonnen- oder den Schattenbalkon enthalten? Mit einem Griff hat der Kunden dann eine bewährte Auswahl in der Hand.

Inspirationsebenen sollten derzeit weitgehend von der Verkaufsebene gelöst sein. – Foto: oliver-m-consulting.com

Inspirationsebenen sollten derzeit weitgehend von der Verkaufsebene gelöst sein. – Foto: oliver-m-consulting.com

Auch wenn die Inspirationsflächen jetzt vielleicht kleiner werden, sind es ja trotzdem noch bestimmte Themen und Trens, auf die Gartencenter und Baumärkte in diesem Jahr beim Produktangebot und der POS-Gestaltung den Fokus besonders richten sollten. Welche sind das?

Mathys: Derzeit sind immer noch Reisewarnungen für bestimmte Länder ausgesprochen und einigen Menschen ist ein Urlaub bei der jetzigen Lage auch einfach zu unsicher, daher werden viele ihre freien Tage im Sommer zuhause verbringen. Die Themen Balkon, Terrasse und Garten werden also guten Anklang finden, da es sich die Konsumenten daheim richtig schön machen wollen. So wird mancher Euro, der sonst in die Urlaubskasse geflossen wäre, wahrscheinlich ins eigene grüne Reich investiert.

Für die Themen Selbstversorgung und Nutzgarten interessieren sich die Menschen ja schon seit einigen Jahren wieder vermehrt. Ich nehme an, dass diese Bereiche in diesem Jahr noch mehr boomen werden. Denn die Menschen haben einfach mehr Zeit, sich mal ausgiebig mit Obst- und Gemüseanbau zu beschäftigen, Sie können in Ruhe etwas ausprobieren, legen vielleicht ihr erstes eigenes Hochbeet an und haben Spaß daran, den Pflanzen beim Wachsen zuzuschauen und die eigene Ernte anschließend zu verarbeiten.

Da wir in den nächsten Monaten mit einem heißen und trockenen Sommer rechnen können, werden wahrscheinlich auch die Themenbereiche Beschattung und Bewässerung wieder eine wichtige Rolle spielen. In der Corona-Zeit haben viele Menschen auch das Heimwerken für sich entdeckt, daher nehme ich an, dass so mancher sich nun auch an der Installation eines Bewässerungssystems für Garten oder Balkon versuchen wird.

Oliver Mathys – Foto: oliver-m-consulting.com

Oliver Mathys – Foto: oliver-m-consulting.com

Info-Veranstaltungen, Workshops und andere Aktionen, die Gartencenter und Baumärkte ihren Kunden in den letzten Jahren häufig geboten haben, wird es wohl in diesem Jahr nicht geben. Inwieweit glauben Sie, dass es für den Handel möglich ist, über Online-Angebote den Kontakt mit den Kunden zu halten?

Mathys: Die Online-Präsenz ist derzeit für den Handel wichtiger als jemals zuvor. Natürlich kann man hier auch Workshops präsentieren: Filme oder Webinare, die zeigen, wie man beispielsweise ein Hochbeet baut und richtig bepflanzt, sind bei den Kunden beliebt. Allerdings ist die Produktion mit großem Zeitaufwand verbunden. Wenn man sich trotzdem dafür entscheidet, sollte man auf jeden Fall immer gleich auch entsprechende Produkt-Sets anbieten, die alles enthalten, damit der Käufer das Gesehene sofort umsetzen kann. Eine schöne Idee, die ich letztens auf der Seite eines Baumarktes entdeckt habe: Die Kunden konnten sich hier mit Hilfe eines Konfigurators die Bepflanzung für ihre Balkongefäße passend zusammenstellen, als Bestellung aufgeben und dann fertig im Markt abholen. Unternehmen können auch über Möglichkeiten der individuellen Online-Beratung nachdenken. Ein solcher Service muss gar nicht kostenlos sein. Wenn der Kunde später einen entsprechenden Einkauf tätigt, kann man ihm das Geld ja eventuell auch rückvergüten. Ich bin überzeugt, dass in den kommenden Wochen und Monaten noch viele kreative Ideen entwickelt werden, die unseren Alltag auch langfristig bereichern werden.

Eine eher funktionale, übersichtliche POS-Gestaltung ist derzeit gefragt, die es den Menschen ermöglicht, schnell und zielgerichtet ihre Einkäufe zu erledigen. – Foto: oliver-m-consulting.com

Eine eher funktionale, übersichtliche POS-Gestaltung ist derzeit gefragt, die es den Menschen ermöglicht, schnell und zielgerichtet ihre Einkäufe zu erledigen. – Foto: oliver-m-consulting.com

Noch wichtiger als Workshops und Co. scheint mir für den Handel allerdings, die Inspirationsebene online auszubauen und dort das gesamte Sortiment umfassend und ansprechend vorzustellen. Jetzt im Moment haben die Menschen mehr Zeit als sonst, um im Netz zu stöbern, zugleich kommen sie seltener direkt ins Geschäft. Das sollte man bei der Webpräsenz und dem eigenen Onlineangebot im Hinterkopf haben und entsprechend aufgreifen. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, dass die Kunden die Produkte, die sie online gefunden haben, beim nächsten Einkauf schnell und unkompliziert vor Ort abholen können. Dafür wäre es auch hilfreich, wenn online bereits angegeben wird, wo genau das Produkt im Geschäft zu finden ist. Eine andere Variante – und diese ist natürlich noch einfacher und schneller – ist das Angebot, sich die Ware vom Baumarkt oder Gartencenter direkt liefern oder als Paket zuschicken zu lassen. Gerade wenn ich ein bisschen vorausschaue, werden diese Einkaufsmöglichkeiten für das Weihnachtsgeschäft sicher ein wichtiger Aspekt werden, da es die klassischen, großen Adventsaustellungen in diesem Jahr in den Geschäften nicht geben kann. Die Deko-Artikel lassen sich aber ansprechend online präsentieren und können in der Regel auch gut mit der Post verschickt werden.

Weitere Informationen: oliver-m-consulting.com

Autor: Roland Moers

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